Das Staatsarchiv Nürnberg verwahrt mit der Sammlung „Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse“ die bedeutendste schriftliche Überlieferung zu den Nürnberger Prozessen. In einem Kooperationsprojekt mit der Bayerischen Akademie der Wissenschaften (BAdW) und der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) werden diese Unterlagen nun vollständig digitalisiert und mit Mitteln der Digital Humanities wissenschaftlich aufbereitet.

Die Nürnberger Prozesse, d.h. der internationale Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess (1945-1946) und zwölf durch die US-Regierung durchgeführte Nachfolgeprozesse (1946-1949), sind heute ein Meilenstein des Völkerstrafrechts. Die Prozesse waren ein Beleg dafür, dass nicht durch Rache, sondern mit den Mitteln des Rechts die Untaten des „Dritten Reiches“ gesühnt wurden. Den Millionen von Opfern des NS-Regimes sollte mittels gerichtlicher Verfahren Gerechtigkeit zuteil werden. Bis heute liefern die Prozessdokumente wichtige Erkenntnisse für die Rechts- wie die Zeitgeschichte und die Erforschung des Umgangs mit der nationalsozialistischen Vergangenheit.

Die Bayerische Akademie der Wissenschaften (BAdW), die Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) und die Staatlichen Archive Bayerns ermöglichen mit dem Projekt „Digital Nuremberg Military Tribunals“ („DigiNMT“) die wissenschaftliche Aufarbeitung der Nürnberger Nachfolgeprozesse mit Mitteln der Digital Humanities anhand der zentralen Überlieferung des Staatsarchivs Nürnberg. Durch gezielte Ansprache der Anklagebehörde und der Verteidigung gelang es dem Staatsarchiv Nürnberg nach 1946 umfangreiches Aktenmaterial zu den Prozessen zu übernehmen und für die Nachwelt zu sichern. Von den ursprünglich knapp 1,4 laufenden Kilometern an Sammlungsgut blieben nach der Nachkassation von Doppelstücken und Abgaben an andere Institutionen 394 laufende Meter an Kernüberlieferung, was etwa 2,5 Millionen Blatt entspricht. Der Bestand enthält offizielle Unterlagen der Prozesse (z.B. Anklageschriften, Protokolle, Schriftsätze, Beweismittel, Gerichtsorders, Urteile, Gnadenverfahren) sowie umfangreiches Material der Anklage und der Verteidigung. Besonders einzigartig sind die Anklagedokumente mit einem Umfang von allein 950.000 Blatt in verschiedenen Serien (NG, NI, NO, NOKW, PS sowie kleinere Dokumentenreihen). Hinzu kommen rund 40 Nachlässe/Depots von den damaligen Prozessverteidigern, die teilweise zusätzlich umfangreiches Material zu den Dachauer Prozessen beinhalten, insbesondere zu „Lynchmorden“ an alliierten Fliegern und Konzentrationslagerverbrechen.

Die Unterlagen der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse werden in einem ersten Schritt von 2025 bis 2026 durch die Staatlichen Archive Bayerns digitalisiert und soweit rechtlich möglich, über die Findmitteldatenbank der Staatlichen Archive Bayerns online zugänglich gemacht. Für die Onlinestellung müssen die vorhandenen Verzeichnungsdaten nach einheitlichen Standards überarbeitet werden. Die erzeugten Digitalisate und Metadaten dienen der FAU im nächsten Projektschritt als Ausgangspunkt für die durch Künstliche Intelligenz (KI) und Natural Language Processing (NLP) unterstützte Verschlagwortung sowie die rechts- und geschichtswissenschaftliche Kommentierung, die im Rahmen eines gesonderten Internetauftritts und durch interaktive Visualisierungen der interessierten Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden sollen. Sichtbar gemacht werden damit komplexe Zusammenhänge zwischen Akteurinnen und Akteuren, Beweismitteln und juristischen Konzepten.