Behördliches Schriftgut muss nicht nur nüchtern und trocken sein. Das belegen Akten aus der Überlieferung der Ober- bzw. der Reichspostdirektion Augsburg, die beim Staatsarchiv Augsburg verwahrt werden.
Im Jahr 1999 erhielt das Staatsarchiv Augsburg den zur Oberpostdirektion (OPD) Augsburg gehörenden Teil des damals aufgelösten Nürnberger Postarchivs. Der Ober- bzw. Reichspostdirektion Augsburg oblag als Bezirksbehörde neben dem Vollzug der zentralbehördlichen Verfügungen auch die Dienstaufsicht innerhalb ihres Bezirks. Für den örtlichen Betrieb waren die örtlichen Postanstalten zuständig.
Bei der Verzeichnung der Akten wurde festgestellt, dass die Unterlagen weder bei der OPD Augsburg selbst noch im Postarchiv ausgedünnt worden waren. So fanden sich in dieser Überlieferung neben einem hohen Anteil an redundantem Aktengut auch außergewöhnliche Unterlagen zur Geschichte der schwäbischen Post. Nach Beendigung der Erschließungsarbeiten wurde besonders aufschlussreiches, zum Teil kurioses Schriftgut dieser reichhaltigen Überlieferung 2003 in der Ausstellung „Postagenten, Schwarzsender und Sommerreisen. Geschichte der Post in Schwaben zwischen 1808 und 1945“ präsentiert (Katalog: https://www.gda.bayern.de/mam/typo3/user_upload/PDFs_fuer_Publikationen/Kleine_Ausstellungen/Kl-Katalog-21-Postagenten.pdf).
Zwei Beispiele illustrieren die kuriosen Seiten der Überlieferung der Ober- und Reichspostdirektion Augsburg: Unter den zahlreichen Firmenofferten an die Reichspostdirektion Augsburg findet sich beispielsweise der Vorschlag der Klosettpapierfabrik Klenk & Co. aus Ludwigsburg vom 15. Mai 1934. Diese pries der Postverwaltung Toilettenpapier an, das gegen „Missbrauch“ geschützt werden könne. Gewährleisten sollte das ein Aufdruck, mit dem sich die betreffende Behörde auf jedem einzelnen Blatt verewigen konnte. Als Anschauungsmaterial wurden verschiedene damals gebräuchliche Muster beigelegt. Anscheinend ging die Reichspostdirektion allerdings nicht zum sicheren Papier über, da dieser Bedarf – laut handschriftlichem Rückvermerk auf dem Angebot – mit Altpapier gedeckt wurde.

Dass Briefkästen manchmal auch zweckentfremdet wurden, zeigt ein Fall in Altomünster. Bachstelzen hatten sich im April 1934 den Briefkasten des dortigen Postamts als Brutlege ausgesucht. Vorsorglich wurde von der Reichspostdirektion angewiesen, ein weiteres Behältnis aufzustellen sowie den Kasten jeden vierten Tag auf versehentlich eingeworfene Postsendungen durchzusehen. Außerdem sollte durch ein geeignetes Schild auf das Nest aufmerksam gemacht werden.

 


Claudia Kalesse

 

Abb. 1 + 2: Werbeangebot der Klosettpapierfabrik Klenk & Co. aus Ludwigsburg für „missbrauchssicheres“ Toilettenpapier, 15. Mai 1934 (Staatsarchiv Augsburg, Reichspostdirektion Augsburg 337).

Abb. 3: Zwei Toilettenpapiermuster der Firma Hakle (Staats- archiv Augsburg, Reichspostdirektion Augsburg 337).

Abb. 4: Eingang des Postamts Altomünster mit dem „Vogelbrutkasten“ auf der linken und dem Ersatzbriefkasten auf der rechten Seite (Staatsarchiv Augsburg, Reichspostdirektion Augsburg, Poststationen 23).

Abb. 5: Detailansicht des Postkastens mit dem Hinweisschild auf brütende Vögel (Staatsarchiv Augsburg, Reichspostdirektion Augsburg, Poststationen 23).

Abb. 6: Anweisungen der Reichspostdirektion Augsburg vom 17. April 1934 an das Postamt Altomünster zur Behandlung des Briefkastens. Nach „Beendigung des Brutgeschäfts“ sollte der Postkasten an die Reichspostdirektion ein- geschickt werden (Staatsarchiv Augsburg, Reichspostdirektion Augsburg, Poststationen 23).

Dieses Fundstück ist in den Nachrichten aus den Staatlichen Archiven Bayerns erschienen, Heft 85/2024.