Einleitung
Die "Süddeutsche Schreinerfachschule" in Nürnberg wurde im Mai 1902 von Karl Maibaum in Nürnberg gegründet und bestand mindestens bis zum November 1917. Es handelte sich um eine private Schule, die sich zum Ziel gesetzt hatte, bereits ausgebildete Schreiner im Zeichnen, Konstruieren und Entwerfen von Möbeln und Treppen sowie in Buchführung und kaufmännischem Rechnen aus- und fortzubilden. Ein praktischer Unterricht im Bauen der Möbel und Treppen war nicht angestrebt. Detailliertere Angaben sind in den Schuljahresberichten enthalten.
Die nachfolgenden Angaben sind dem Schulaufsichtsakt der Regierung von Mittelfranken, Kammer des Innern entnommen, der von 1902 bis 1917 reicht, mit einem Nachtrag aus dem Jahr 1923. Er trägt den Titel "Süddeutsche Schreiner-Fachschule von Karl Maibaum in Nürnberg" (Archivsignatur: Staatsarchiv Nürnberg, Regierung von Mittelfranken, Kammer des Innern, Abgabe 1932, Titel XIII a Nr. 131). In dem Akt ist auch gedrucktes Werbematerial enthalten: ein Programm, eine Schulordnung (beide mehrfach vorhanden) sowie zwei gebundene Broschüren mit Schwarz-Weiß-Abbildungen vom August 1911. Die erste Broschüre (im Querformat) enthält auf 28 Seiten einen Überblick über die Geschichte, den Unterrichtsinhalt, die Unterrichts- und sonstigen Räume der Fachschule, außerdem Fotos von den Lehrkräften, den Schulräumen und herangezogenen Institutionen, der Bayerischen Landesgewerbeanstalt Nürnberg und dem Germanischen Nationalmuseum. Die zweite Broschüre, 72 Seiten im Hochformat, enthält Dankes- und Anerkennungsschreiben, außerdem Reproduktionen von Möbel- und Interieurzeichnungen. Die zweite Broschüre wurde später in dünnerem Umfang aktualisiert.
Der Architekt Karl Maibaum war Lehrer einer Schreinerfachschule in Sachsen, dann Möbelzeichner der Firma Wunderlich & Cie. in Fürth, bevor er 1902 die "Süddeutsche Schreinerfachschule" in Nürnberg gründete.
Der Unterricht dauerte im Sommer 47 Stunden pro Woche, im Winter 45 Stunden pro Woche. Unterrichtet wurde zunächst im 4. Obergeschoss des Gebäudes Luitpoldstraße 13. 1903 kamen zwei Räume im Gebäude Luitpoldstraße 11 hinzu. Weil auch diese Erweiterung der Unterrichtsräume nicht ausreichte, wechselte die Schule im Januar 1905 in den Kirchenweg 14 in das Rückgebäude, das eigens für die Schule gebaut worden war und daher für den Unterricht ideale Bedingungen bot. Jeder Zeichenraum wies vier große Fenster auf. In zwei Räumen waren jeweils drei leicht geneigte Pulten nebeneinander so aufgestellt, dass das Licht von links einfiel; hinzu kamen an der fensterabgewandten Seite einige größere Tische. In zwei weiteren Zeichenräumen standen vier Pulte nebeneinander. Insgesamt befanden sich laut Ausweis der Fotografien in der Werbebroschüre in jedem Raum rund 30 Pulte. Im Frontalunterricht - etwa bei Kursus für Metall- und Holzfärbeverfahren und im Handelskursus saßen die Schüler dichter. In der dunklen Jahreszeit waren die Räume durch Gaslampen beleuchtbar. Im Winter stand eine Niederdruckdampfheizung zur Verfügung. Ventilatoren sorgten für frische Luft. Den Schülern konnten eine Bibliothek mit kunsthandwerklicher und kunsthistorischer Literatur zum Selbststudium nutzen.
Die Dauer des Unterrichtsbesuchs der Schule war flexibel. Sie lag zwischen drei und 15 Monaten, offenbar orientiert nach den Vorkenntnissen, dem Können und den Notwendigkeiten der Schüler. Schülerinnen gab es nicht. Laut Werbebroschüre wurde das Zeichnen in den Gruppenräumen insofern im Einzelunterricht vermittelt, als der Dozent ständig anwesend war, herumging, kontrollierte und für Fragen und Hinweise zur Verfügung stand. Dadurch konnte dem unterschiedlichen Stand der Schüler besser entsprochen werden als bei einem Frontalunterricht. Ein Viertel Jahr Unterricht kostete 90 Mark, d.h. 30 Mark pro Monat. Erst ab November 1917 sollte das Schulgeld wegen der kriegsbedingten Geldentwertung und Teuerung auf monatlich 40 Mark angehoben werden.
Neben Karl Maibaum gaben folgende Dozenten Unterricht: In den Kernfächern der Architekt Eugen Laubenberger (bis 1905/1906), der Bildhauer und Möbelzeichner Otto Zeiler (ab 1906), der Schreiner und Möbelzeichner Georg Böcher (ab 1908), der Schreiner und Möbelzeichner Jean Neubauer aus Fürth (ab 1910). Für das Schuljahr 1912/1913 trat der Tischler und Möbelzeichner Alfred Bode aus Meißen hinzu, schied aber wegen der gesunkenen Schülerzahl wieder aus.
Zeiler, Böcher und Neubauer waren selbst Absolventen der Schule, alle drei im Schuljahr 1905/1906. Otto Zeiler aus Ulm war 1905 24 Jahre alt und wurde ein halbes Jahr an der Fachschule unterrichtet, Jean Neubauer aus Fürth war 20 Jahre alt und nahm 12 Monate Unterricht. Georg Böcher aus Jægerspris auf Seeland in Dänemark war damals 22 Jahre alt und war im Schuljahr 1905/1906 einen Monat und im Schuljahr 1906/1907 zehn Monate an der Fachschule. Zeiler wurde zu Beginn des Ersten Weltkriegs als Unteroffizier der Landwehr eingezogen, Böcher als dänischer Staatsangehöriger zur dortigen Armee. Neubauer war felddienstuntauglich und führte den Unterricht zusammen mit Direktor Maibaum weiter, bis er im November 1915 wegen zu geringer Schülerzahl in das Bauamt der Stadt Nürnberg wechselte.
In Buchführung und kaufmännischem Rechnen der Volksschullehrer August Glück (1902 bis 1912), ab 1912 der Kaufmann Karl Teschner, bisher Lehrer und Leiter der Sabel'schen Handelslehranstalt. Teschner wurde 1915 zum Militärdienst eingezogen.
Den Berichten Maibaums an die Regierung von Mittelfranken als Schulaufsichtsbehörde sind die genauen Schülerzahlen der einzelnen Schuljahre und von 1905 an auch die Namen, das Alter und die Herkunftsorte der Schüler zu entnehmen. Die Schuljahre begannen jeweils am 1. Oktober eines Jahres. Die Zahl der Schüler stieg rasch stark an mit dem Höhepunkt von 191 Schülern im Schuljahr 1912/1913 und sank mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs rasch, da sehr viele der Unterrichteten Kriegsdienst leisten mussten. Im Schuljahr 1916/1917 wurden ausschließlich Kriegsinvaliden unterrichtet.
Im Einzelnen:
1. Anzahl der Schüler
Schuljahr Schülerzahl
1902/1903 32
1903/1904 66
1904/1905 104
1905/1906 110
1906/1907 127
1907/1908 122
1908/1909 Jahresbericht fehlt
1909/1910 162
1910/1911 164
1911/1912 191
1912/1913 176
1913/1914 153
1914/1915 28
1915/1916 15
1916/1917 20
Stand 18.11.1917 11
Von 1902 bis 1917 ergibt die Summe der Schüler 1470 ohne das nicht dokumentierte Schuljahr 1908/1909, insgesamt also ungefähr 1600 Schüler. Allerdings nahmen etliche von ihnen an dem Unterricht über ein Schuljahr hinaus teil, so dass Zahl der tatsächlich unterrichteten Menschen entsprechend geringer ist. Für eine private Fachschule mit relativ kurzer Wirkungsdauer bleibt es eine stattliche Leistung.
2. Herkunft der Schüler
In den Jahresberichten wird zu Beginn auch angegeben, aus welchen Ländern die Schüler stammen. Ihre Gesamtzahl ist aus nicht nachvollziehbaren Gründen niedriger als die oben aufgeführte Schülerzahl.
Nach Herkunftsländern werden 1267 Menschen aufgeschlüsselt. Von ihnen stammen 1043 (oder 82,3 %) aus Deutschland und davon nur 380 (30 %) aus Bayern. 224 (17,7 %) kamen aus dem Ausland. Es ist bemerkenswert, dass die Süddeutsche Schreinerfachschule ein so weites Einzugsgebiet hatte. In Einzelfällen reichte es von den USA bis Russland, von Ägypten bis Schweden. Schwerpunkte bildeten die Schweiz (96 Schüler), Österreich-Ungarn (63 Schüler), Skandinavien (Dänemark mit 29 Schülern, Schweden mit 8 Schülern) sowie Bulgarien, konzentriert auf die Jahre 1909 bis 1915 (15 Schüler).
Karl Maibaum musste die Schule mangels Zuspruchs vermutlich Ende 1917, möglicherweise erst 1918 schließen. Er hat sich danach offenbar umorientiert auf ein kleineres Maß, denn im März 1923 bittet er als Betreiber der "Süddeutschen Privatzeichenkurse für Schreiner von Karl Maibaum in Nürnberg" die Regierung von Mittelfranken als Schulaufsichtsbehörde erfolgreich um einen Lehrmittelzuschuss, der inflationsbedingt 15.000 Mark betrug.
Im Herbst 2021 bot der Berliner Kunsthändler Dino Weidner (Karlstadter Straße, 13189 Berlin) dem Staatsarchiv Nürnberg Aquarelle und Bleistiftzeichnungen von Raumansichten, Möbeln und Möbeldetails aus dem Jahr 1913 an, die den Stempel "Süddeutsche Schreiner-Fachschule Nürnberg Dr. Maibaum" tragen und mit R. Schippel signiert sind. Mit dem Schenkungsvertrag vom 18. November 2021 / 1. Dezember 2021 schenkte Herr Weidner dem Staatsarchiv die Arbeiten.
Von dem Urheber der Aquarelle ist uns nur so viel bekannt, wie das Schülerverzeichnis der Süddeutschen Schreiner-Fachschule des Schuljahres 1913/1914 ausweist, das vom 1. Oktober 1913 bis zum 30. September 1914 dauerte: In diesem Verzeichnis wird als Nr. 63 Rudolf Schippel aus Themar in Thüringen genannt, der bei Schuljahresbeginn 23 Jahre alt war, also um 1890 geboren sein dürfte. Er wurde neun Monate in der Schule unterrichtet, sehr wahrscheinlich von Oktober 1913 bis Ende Juni 1914. Er hat demnach 270 Mark Schulgeld gezahlt, außerdem die Lebenshaltungskosten für den Aufenthalt in Nürnberg. Die Bleistiftzeichnungen sind datiert. Sie stammen aus dem Zeitraum vom 28. Oktober 1913 (Nr. 28) bis zum 11. Dezember 1913 (Nr. 51). Es ist anzunehmen, dass der Unterricht mit den einfacher gehaltenen Bleistiftzeichnungen von Möbelschnitzwerk begonnen hat. Die Bleistiftzeichnungen und die Aquarelle von Möbeln und einem Interieur, die einen qualitativ höheren Rang haben, dürften aus dem ersten Halbjahr 1914 stammen. Insgesamt zeigen die Arbeiten das hohe Niveau, das Absolventen auf der Fachschule durch anhaltendes Zeichnen und Aquarellieren erwerben konnten. Auf diese Qualität war jeweils in den Berichten der Schulaufsicht ausdrücklich hingewiesen worden.
Rudolf Schippel dürfte zum Beginn des Ersten Weltkriegs eingezogen worden sein. Die nachfolgenden Jahresberichte weisen jeweils auf den Tod, die Verwundung oder die Gefangenschaft von Absolventen der Fachschule hin, allerdings nur in Summa und nicht namentlich. Es ist uns daher nicht bekannt, ob Rudolf Schippel den Krieg überlebt hat und wenn ja, wie sein weiterer Lebensweg war.
Nürnberg, 25.1.2022
Christian Kruse