Einleitung
1. Klostergeschichte
Auf Initiative von Herzog Albrecht I. von Bayern-Straubing-Holland (reg. 1347 - 1404) und mit Einwilligung von Papst Gregor V. gaben im Jahr 1367/68 die Karmelitenbrüder von St. Oswald in Regensburg ihre seit 1227 bestehende Niederlassung auf, welche in der Vergangenheit immer wieder vom Hochwasser der Donau überflutet worden war, und siedelten sich in der jungen Residenzstadt Straubing an. Ein Haus mit Hofstatt in der Bruckgasse gegenüber der herzoglichen Residenz, welches Herzog Albrecht I. dem Orden im Jahr 1374 förmlich als Bauplatz bestätigte, diente den Ordensbrüdern vermutlich als erste Niederlassung in der Stadt, die gerade zur Hauptstadt des neuen wittelsbachischen Teilherzogtums ausgebaut wurde. Der älteste, für zwölf Brüder ausgelegte Klosterbau wird auf der östlichen Seite des heutigen Klostergeländes vermutet.
In den darauffolgenden Jahrzehnten erfuhren die Karmeliten eine intensive Förderung durch Herzog Albrecht I. und seine Söhne Albrecht II. (reg. als Statthalter in Niederbayern 1387 - 1397) und Johann III. (reg. 1404 - 1425). Ersterer wurde nach seinem Tod in Kelheim nach Straubing überführt und ist hinter dem Hochaltar im Chor der Klosterkirche bestattet. Das von seinem Bruder Johann in Auftrag gegebene Grabmal aus rotem Salzburger Marmor zählt heute zu den besonderen Kunstschätzen in der Klosterkirche, die sich in Albrechts Todesjahr 1397 noch im Bau befand. Die Weihe der spätgotischen dreischiffigen Kirche zum Heiligen Geist, die zu den ältesten Hallenkirchen in Niederbayern zählt, ist für das Jahr 1430 belegt.
Die besondere Verbundenheit der Wittelsbacher Herzöge von Straubing-Holland sollte sich nach ihrem Aussterben auf die Linie der Vettern von Bayern-München übertragen. So erneuerte Herzog Albrecht III. von Bayern-München im Jahr 1447 eine vermutlich bereits 1435 begründete Messstiftung für seine bürgerliche Gemahlin Agnes Bernauer, welche sein Vater Herzog Ernst I. am 12. Oktober 1435 in der Donau bei Straubing hatte ertränken lassen, und stattete seine Stiftung mit Besitz in den Dörfern Mitterharthausen und Breitenweinzier aus. Heute finanziert der Freistaat Bayern die jährliche Feier dieser Seelenmesse. Auch Agnes Bernauer selbst, die mit ihrem Gemahl vermutlich einige Zeit in der Straubinger Residenz gelebt hat, war den Karmeliten in besonderer Weise zugewandt und stiftete noch kurz vor ihrem Tod einen Altar im Kreuzgang des Klosters für ihr Begräbnis. Ob sie tatsächlich dort ihre letzte Ruhe gefunden hat, ließ sich bis heute allerdings nicht archäologisch nachweisen.
In den folgenden Jahrhunderten stellte die Kirche der Karmeliten eine beliebte Begräbnisstätte für die Straubinger Bürger und für den Adel der Region dar. Zu den herausragenden Förderern zählte insbesondere die Familie Nothafft von Wernberg, die ihre Grablege in einer Seitenkapelle der Klosterkirche hatte. .
Von einem wirtschaftlichen wie personellen Niedergang während der Reformationszeit konnte sich das Karmelitenkloster erst in den Jahrzehnten nach dem Dreißigjährigen Krieg erholen. Mit dem Erwerb des Gnadenbildes Unserer Lieben Frau von den Nesseln, das 1661 aus dem protestantischen Heilbronn zu den Karmeliten gelangte, entstand eine beliebte und gut frequentierte Wallfahrt in der Klosterkirche, die für die Brüder in den kommenden Jahrhunderten eine sichere Einnahmequelle darstellte. Der neue Wohlstand des Klosters äußerte sich schon bald in einer regen Bautätigkeit. Mit der barocken Umgestaltung der Gebäude und des Kirchenschiffes waren unter anderem der Graubündner Baumeister Kaspar Zuccalli und der zuvor in Prag tätige Wolfgang Dientzenhofer beauftragt. Die reich mit Altären und Gemälden ausgestattete Kirche zeugt bis heute vom Glanz des Klosters in jener Epoche.
Der Konvent, der seit seiner Gründung zur Oberdeutschen Provinz der Beschuhten Karmeliten gehörte und im 18. Jahrhundert über 50 Mitglieder zählte, wurde im Jahr 1802 nicht säkularisiert, sondern als Aussterbekloster weitergeführt, in welches sich die Brüder der säkularisierten Klöster des Karmelitenordens zurückziehen konnten. Im Jahr 1841 genehmigte König Ludwig I. die Neugründung des bis heute bestehenden Klosters, das daraufhin unter Pater Petrus Heitzer (1777 - 1847), dem letzten Prior des alten Klosters, wiedererrichtet wurde. Im 19. Jahrhundert ging vom Straubinger Karmelitenkloster die Erneuerung der Oberdeutschen Ordensprovinz aus.
2. Bestandsgeschichte
Der Bestand des Karmelitenklosters Straubing im Bayerischen Hauptstaatsarchiv enthält 563 Urkunden mit einer Laufzeit von 1311 - 1787. Darunter befinden sich auch neun Urkunden des Karmelitenklosters St. Oswald in Regensburg mit einer Laufzeit von 1311 - 1367, welche die Ordensbrüder bei ihrer Umsiedlung im Jahr 1367/68 offenbar mit nach Straubing brachten. Die Überlieferung des Straubinger Klosters setzt mit einer Urkunde vom 15. August 1368 ein, in welcher Landgraf Johann von Leuchtenberg den Brüdern stellvertretend für Herzog Albrecht I. von Bayern-Straubing-Holland die förmliche Genehmigung erteilte, sich in Straubing niederzulassen und ein Grundstück zum Bau von Klostergebäuden zu erwerben.
Neben päpstlichen und herzoglichen Privilegien sowie zahlreichen Ablassbriefen umfasst der Bestand vor allem Seelgerätstiftungen und die damit einhergehenden privaten Kauf- und Erbrechtsbriefe, die vornehmlich Liegenschaften in der Stadt Straubing und im näheren Umland betreffen.
3. Literaturauswahl
Hermann u. Anna BAUER: Klöster in Bayern. Eine Kunst- und Kulturgeschichte. München 1985, S. 205-206.
Adalbert DECKERT: Karmel in Straubing: 1368 - 600 Jahre - 1968. Jubiläumschronik. Rom
1968 (= Textus et Studia Historica Carmelitana Band 8).
Adalbert DECKERT: Die Oberdeutsche Provinz der Karmeliten nach den Akten ihrer Kapitel von 1421 bis 1529. Rom 1961 (= Archivum historicum Carmelitanum Band 1).
Adalbert DECKERT: Die Karmelitenkirche in Straubing. München 1968.
Wolfgang FREUNDORFER (Bearb.): Straubing. Landgericht, Rentkastenamt u. Stadt. München 1974 (= Historischer Atlas, Teil Altbayern H. 32).
Gundekar HATZOLD: Das Karmelitenkloster Straubing, mit besonderer Berücksichtigung der Säkularisationszeit und der Geschichte des Gnadenbildes "Marie von den Nesseln". Regensburg 1947.
Ludwig HOLZFURTNER u. Max PIENDL (Bearb.): Mitterfels. Die Pfleggerichte Mitterfels und Schwarzach und die Herrschaften Falkenstein, Brennberg und Siegenstein. München 2002 (= Historischer Atlas, Teil Altbayern H. 62).
Alfons HUBER u. Hermann REINDEL: Karmelitenkirche Straubing. Regensburg 1995.
Dorit-Maria KRENN u. JoachimWILD: "fürste in der ferne". Das Herzogtum Niederbayern-Straubing-Holland 1353-1425. Augsburg 2003 ( = Hefte zur bayerischen Geschichte und Kultur 28).
Claudia MÄRTL: Straubing. Die Hinrichtung der Agnes Bernauer 1435. In: Alois SCHMID, Katharina WEIGAND (Hg.): Schauplätze der Geschichte in Bayern. München 2003, S. 150-164.
Stephan PANZER (O. Carm.): Gabriel ab Annuntiatione BMV O. Carm (1611 - 1679) und die Einführung der Tourainer Reform bei den Karmeliten in Bamberg und Straubing. Bamberg 1992.
Stephan PANZER (O.Carm): Die Geschichte der Karmeliten im Mittelalter. Schwerpunkt Oberdeutsche Provinz. In: Heidemarie SPECHT u. Ralph HOLZER-ANDRASCHEK (Hg.): Bettelorden in Mitteleuropa. Geschichte, Kunst, Spiritualität. St. Pölten 2008, S. 66-73 (= Beiträge zur Kirchengeschichte Niederösterreichs 15).
Marita A. PANZER: Agnes Bernauer. Die ermordete "Herzogin". Regensburg 2007.
Joachim WILD: Die Herzöge von Straubing und Ingolstadt. Residenzstädte auf Zeit. In: Alois SCHMID u. Katharina WEIGAND (Hg.): Die Herrscher Bayerns. 25 historische Porträts von Tassilo III. bis Ludwig III. München 2. Auflage 2006, S. 118-129.
Dr. Monika Ofer