Einleitung
Ein Fotoalbum aus dem Nachlass Georg Kistner (nun: Nr. 10) schenkte sein Sohn, der Diplomingenieur Rudolf Kistner aus Nürnberg, dem Staatsarchiv Nürnberg mit Schenkungsvertrag vom 20. Februar 2014. Die restlichen Teile des Nachlasses seines Vaters gab Rudolf Kistner dem Staatsarchiv Nürnberg, bevor er am 18. Mai 2017 in Nürnberg starb, ohne dass der Schenkungsvertrag durch meinen Amtsvorgänger, Ltd. Archivdirektor Professor Dr. Peter Fleischmann, erweitert wurde. Weil der Schenker inzwischen verstorben ist, lässt sich dies nicht nachholen. Da Rudolf Kistner den gesamten Nachlass seines Vaters selbst dem Staatsarchiv Nürnberg gegeben hat, kann man von einer Schenkungsabsicht ausgehen.
Der Nachlass Georg Kistner dokumentiert exemplarisch den Lebensweg eines Nürnbergers, der von 1920 bis 1925 der Reichswehr sowie von 1931 bis 1945 der NSDAP, von 1932 bis 1945 der SS und von 1940 bis 1945 der Waffen-SS angehörte.
Georg Kistner wurde am 11. April 1903 in Nürnberg als Sohn des städtischen Heizers Michael Kistner (1868-1936) und der Margareta, geb. Ehrlein (1874-1939) geboren. Er heiratete am 31. März 1928 in Nürnberg Margarete Bauer, geb. am 23. März 1909 in Wendelstein, die Reta genannt wurde. Am 20. Mai 1928 wurde ihr Sohn Rudolf Kistner in Nürnberg geboren. Er blieb das einzige Kind. Die Familie wohnte in der Harsdörfferstraße 16 in Nürnberg.
Georg Kistner besuchte vom 1. September 1909 bis zum 14. Juli 1917 die Volkshauptschule Nürnberg, arbeitete aber bereits vom 28. April bis zum 16. August 1917 als Hilfsarbeiter bei der Firma Gebrüder Bing AG in Nürnberg. Bei der Nürnberger Schraubenfabrik und Façondreherei begann er am 16. August 1917 eine Lehre als Schlosser, die er am 16. August 1920 als Mechaniker abschloss. Parallel besuchte er sowohl vom 15. September 1917 bis zum 14. Juli 1920 die Berufsfortbildungsschule als 1918 Abendkurse der städtischen Bauschule Nürnberg und 1918 bis 1920 die maschinentechnische Abteilung der Städtischen Volksbildungskurse mit offenem Zeichensaal Nürnberg, durchwegs mit gutem bis sehr gutem Erfolg.
Nach Abschluss dieser Berufsausbildung arbeitete Georg Kistner zunächst bis zum 15. Oktober 1920 als Werkzeugdreher weiter bei seiner Lehrfirma, der Nürnberger Schraubenfabrik und Façondreherei, danach für wenige Tage in Jauer (Bezirk Liegnitz, Niederschlesien, heute: Jawor, Polen), zunächst vom 20. bis 22. Oktober 1920 als Schlosser bei der Maschinenfabrik H. Lamprecht, dann vom 30. Oktober bis 3. November 1920 als Dreher bei der Maschinenfabrik Martin Kuërs.
Im Widerspruch zu diesen Angaben steht ein Führungszeugnis der Reichswehr, dem zufolge Kistner bereits am 1. Oktober 1920 in die Reichswehr wechselte. Dort diente er in der 1. Kompanie des 3. preußischen Infanterieregiments, das in Marienburg (Westpreußen, heute: Malbork, Polen) stationiert war, als Schütze, seit 1923 als Oberschütze, seit 1925 als Gefreiter. Nach knapp fünf Jahren, am 22. April 1925, wurde er nach einem Unfall als dienstunfähig eingestuft und als Gefreiter aus der Reichswehr entlassen.
Der erst 22 Jahre alte Georg Kistner musste danach sehen, was aus ihm wurde. 1925 bis 1933 arbeitete er in wechselnden Stellungen: Vom 15. Juni bis zum 30. September 1925 arbeitete er als kaufmännischer Angestellter beim Drogeriegroßhandel Emil Probst, im Anschluss arbeitete er bis zum 15. Juli 1926 selbstständig als Reisender. Nach einer Arbeitslosigkeit war er vom 30. März bis zum 16. Juni 1927 Mechaniker bei Carl Benz in Lahr (Baden), dann vom 13. August 1927 bis zum 22. Mai 1928 Maschinenarbeiter bei MAN in Nürnberg. Nach erneuter Arbeitslosigkeit, die knapp zwei Monate nach seiner Hochzeit begann und während der sein Sohn geboren wurde, fand Kistner vom 26. Mai bis zum 2. August 1930 eine Stellung als Schlosser bei der Süddeutschen Eisengesellschaft Nürnberg. Am 1. November 1930 wechselte er die Sparte und arbeitete fünf Monate bis zum 31. März 1931 als Volontär bei dem Rechtsanwalt Dr. Rosenblatt in Nürnberg. Es folgte eine erneute Arbeitslosigkeit bis März 1933.
Georg Kistner wurde bereits in der Weimarer Republik Nationalsozialist. Während seiner Arbeitslosigkeit trat er am Dezember 1931 mit der Mitgliedsnummer 790.062 in die NSDAP ein und im Februar 1932 mit der Mitgliedsnummer 32.930 in die SS.
Diese Mitgliedschaften dürften mitgeholfen haben, dass Kistner ab März 1933 wieder beruflich Fuß fasste. Er war vom 15. März bis zum 10. Mai 1933 Ausbilder der 2. Hundertschaft der Hilfspolizei. Vom 7. August 1933 bis zum 12. Oktober 1935 war er als Installationshelfer bei den Städtischen Werken Nürnberg beschäftigt. Von dort wechselte er am 14. Oktober 1935 als Kanzleiangestellter und Kraftfahrer an das Hauptzollamt Nürnberg. Er schied dort am 31. Dezember 1937 aus, um sich - mit Tage- und Wohngeld - in München im Bayerischen Landesvermessungsamt zum Vermessungstechniker ausbilden zu lassen. Mit dem Abschluss dieser Ausbildung wechselte er in die Abteilung Reichsbodenschätzung des Finanzamtes Weiden in der Oberpfalz. In dieser Funktion blieb er formal - während des Militärdienstes - bis zur Entlassung am 25. Juli 1945. 1949 bis 1954 scheiterten mehrere Versuche Kistners, wieder als Vermessungstechniker eingestellt zu werden.
Als SS-Mitglied führte Kistner von 1935 bis 1939 außerdienstlich den SS-Sturm 3 der Nachrichtenabteilung (NA) 11 in Nürnberg an.
Georg Kistner wurde am 7. August 1939 als Gefreiter einberufen und der Gerätekolonne des Luftgau-Nachrichten-Regiments 13 der Luftwaffe nach Nürnberg-Buchenbühl zugeteilt, in der er bis zum 20. Mai 1940 blieb. Dort wurde er am 1. Oktober 1939 zum Unteroffizier befördert. Als die Gerätekolonne nach Oldenburg in Oldenburg verlegt werden sollte, wechselte Kistner am 21. Mai 1940 zur Waffen-SS und trat in die 1. Kompanie der Technischen Nachrichten-Ersatz (T.N.E.)-Abteilung Nürnberg der SS ein, blieb also in Nürnberg stationiert. Von dort aus nahm er von Mai bis August 1940 an dem Reserve-Führer-Lehrgang teil. Am 4. Juli 1940 wurde er zum SS-Scharführer, am 9. November 1940 zum SS-Untersturmführer der Reserve (entspricht: Leutnant) befördert. Zum 1. Januar 1941 wechselte er zum Nachrichten-Zeugamt in Oranienburg und von dort am 1. April 1941 zum SS-Ersatz-Artillerie-Regiment und wurde der Artillerie-Schule I der Waffen-SS in Glau (heute: Stadt Trebbin, Landkreis Teltow-Fläming in Brandenburg) zugewiesen, an der er bis zum 18. Juni 1941 blieb.Im Spruchkammerverfahren gab Kistner an, er wäre gegen seinen Willen von der Wehrmacht zur Waffen-SS versetzt worden.
Am 18. Juni 1941 wurde Kistner, zum Obersturmführer der Waffen-SS (entspricht: Oberleutnant) befördert. als Nachrichten-Offizier mit einer Messbatterie an die Front verlegt. Nach Fotografien des Nachlasses war Kistner am 1. Dezember 1941 in Taganrog am Asowschen Meer (Oblast Rostow, Russland), ebenso im Februar 1942. Auf einer Fotografie vom 1. Mai 1942 meldete er sich mit der Messbatterie in der Artillerie-Schule I in Glau beim dortigen Leiter SS-Oberführer General Dr. Ing. Otto Schwab (1889-1959) vom 1. Russlandeinsatz zurück. Im Juli 1942 wurde Kistner nach Frankreich verlegt und war im Dezember im Lazarett in Évreux (Normandie, Frankreich). Am 20. April 1943 war er laut Fotografie in Charkow (heute: Charkiw, Ukraine). Von Juni bis zum 14. Juli 1943 gehörte Kistner dem Aufstellungsstab des 1. SS-Panzerkorps in Beneschau (Protektorat Böhmen und Mähren, heute wieder: Benešov, Tschechische Republik) unter dem SS-Generalmajor Walter Staudinger (1898-1964) an.
Kistner war nach einem Lazarettaufenthalt in Berlin und Karlsbad (heute: Karlovy Vary, Tschechische Republik) erneut vom 1. September 1943 bis zum 31. Dezember 1944 und - nach einem Einsatz beim Artillerie-Ersatzregiment Prag vom 1. bis 15. Januar 1945 und einem Lazarettaufenthalt in Prag - vom 18. Februar 1945 bis zum Kriegsende in der Artillerie-Schule I der Waffen-SS in Glau als Ausbilder im Fernsprechwesen und als militärischer Ausbilder eingesetzt. Im Februar 1944 wurde er zum Hauptsturmführer der Waffen-SS (entspricht: Hauptmann) befördert. Am 2. Mai 1945 geriet er in Kamin (Mecklenburg) in amerikanische Gefangenschaft, die er in Kamin, Neuengamme und Fallingbostel verbrachte.
Vom 22. Mai 1945 bis zum 14. April 1948 war Georg Kistner interniert: vom 22. Mai 1945 bis zum 20. Juli 1947 im Internierungslager Sandbostel, Landkreis Rotenburg (Wümme) in Niedersachsen und in Darmstadt, vom 20. Juli bis zum 22. Oktober 1947 in den Internierungslagern Moosburg und Dachau, vom 22. Oktober bis zum 6. November 1947 im Lazarett des Internierungslagers Moosburg und vom 6. November bis zum 14. April 1948 im Internierungskrankenhaus Garmisch. Von dort wurde Kistner nach Hause nach Nürnberg entlassen, wo er am 30. April 1948 eintraf.
Im Spruchkammerverfahren wurde Georg Kistner trotz seiner frühen Mitgliedschaften in der NSDAP und allgemeinen SS (zuletzt Hauptsturmführer) und ab 1940 in der Waffen-SS (zuletzt Hauptsturmführer) als Mitläufer eingestuft und mit einer Geldsühne von 50 DM belegt, außerdem musste er die Kosten des Verfahrens in Höhe von ebenfalls 50 DM tragen. Er hatte zahlreiche Erklärungen vorgelegt, die ihn entlasteten oder zumindest nicht belasteten.
Danach arbeitete Kistner bis zu seiner Verrentung in folgenden Firmen: vom 25. Mai 1948 bis zum 28. April 1949 als Mechaniker bei der Firma Gebrüder Franke KG, Nürnberg, vom 11. Mai 1949 bis zum 26. August 1950 als Lagerist bei der Fahrradgroßhandlung Weinland & Co., vom 28. August 1950 bis zum 24. Mai 1965 bei der Blumengroßhandlung S. Kerscher als Lagerist und Verkäufer, dann als Angestellter. Danach wurde Georg Kistner offenbar verrentet und starb am 28. November 1966 in Nürnberg im Alter von 63 Jahren.
10. Februar 2022
Christian Kruse
Siehe auch:
Schenkungsvertrag vom 20. Februar 2014 im Vorgang 1820-2/8. Sruchkammerakt von Georg Kistner: StA Nürnberg, Spruchkammer Nürnberg-Lager K 52.