Einleitung
1. Bestand:
Der Bestand der Arbeitsgemeinschaft für vergleichende Hochgebirgsforschung e.V. wurde am 18.07.2007 von der Zoologischen Staatssammlung München an das Bayerische Hauptstaatsarchiv abgegeben.
Verzeichnet wurden insgesamt 62 Archivalieneinheiten aus den Jahren 1959-1994, darunter 56 Stehordner und ein Stülpdeckelkarton, dessen Inhalt wiederum in sechs Verzeichnungseinheiten erschlossen wurde. Etwa 80 Aktenordner, bestehend aus Kontoauszügen, Drucksachen, Abrechnungen und Belegen, sowie 1,8 lfm Karteikarten wurden zur Kassation freigegeben. Einen Großteil der Unterlagen nimmt die Korrespondenz zwischen diversen Personen und Einrichtungen ein, vor allem die mit der Thyssen-Stiftung, Forschern und Studenten vieler verschiedener Disziplinen und Universitäten, diversen Alpenvereinen, Verlagen, dem Betreuer der Thyssen-Haus-Bewohner, Herrn Kalikote (s. u.), Mitgliedern des Vereins und potentiellen Sponsoren, seien es Lebens- und Arzneimittelhilfen oder Stiftungen. Daneben finden sich im Bestand Fotos, Postkarten, Grußkarten, vereinsbezogene Verwaltungsschreiben, Prospekte, Reise- und Forschungsberichte, Veröffentlichungen, Landkarten und anderes.
2. Geschichte:
2.1 Forschungsunternehmen Nepal-Himalaya
Zum Gedenken an den Naturforscher Alexander von Humboldt wurde 1959, an seinem 100sten Todestag, von deutschen Wissenschaftlern das Forschungsunternehmen Nepal Himalaya (Research Scheme Nepal Himalaya) gegründet, das nach Plänen des Deutschen Alpenvereins die Himalayaregion Ostnepals kartographisch erschließen sollte.
Dies geschah im Rahmen einer interdisziplinären "Himalaya-Humboldt-Gedächtnis-Expedition". Das Unternehmen war die Fortführung dreier vorhergehender Expeditionen (Alai Pamir, 1928; Nanga Parbat, 1934 und Karakorum, 1954), die alle durch die Deutsche Forschungsgesellschaft (DFG) finanziert wurden.
Auf Anregung der DFG übernahm ein zu diesem Zweck gegründeter Forschungsrat die Verantwortung für das neue Projekt, das diesmal zunächst überbrückend durch das Bundeskanzleramt, das Bundesinnenministerium, den Deutschen Alpenverein und privaten Spenden finanziert wurde, ab 1961 schließlich durch die Fritz Thyssen Stiftung. Die Leitung des Unternehmens übernahm Prof. Dr. Walter Hellmich (26.02.1906 - 27.07.1974), damals Direktor der Zoologischen Staatssammlung München und Leiter deren Herpetologischer Abteilung. Die zunächst naturwissenschaftlich-ökologische, dann auf die Humanwissenschaften ausgedehnte Feldforschung, mit im Laufe der Zeit insgesamt 38 Teilnehmern, umspannte die Gebiete Geowissenschaften (Klimatologie, Vegetationsgeographie), Kartographie (mit Kartenbeilagen), Botanik, Zoologie, Ethnologie und Humanwissenschaften.
Von 1960 bis 1965 fanden sechs große Expeditionen statt, deren Ergebnisse später in der insgesamt 14 Bände umfassenden Reihe "Khumbu Himal" veröffentlicht wurden. Diese Expeditionen und deren Organisation lassen sich im Bestand vor allem unter dem Betreff "Forschungsunternehmen 'Nepal Himalaya'" rekonstruieren. 1965 gründete Hellmich die Arbeitsgemeinschaft für vergleichende Hochgebirgsforschung (AG Hochgebirgsforschung), die aus dem Forschungsunternehmen Nepal-Himalaya hervorging und die Veröffentlichungsreihe zu Ende führte. Ab Band 15 wurde "Khumbu Himal" als neue Serie mit dem Titel "Hochgebirgsforschung" fortgesetzt.
2.2 AG Hochgebirgsforschung
2.2.1 Thyssen-Haus
Nach Beendigung des Forschungsunternehmens 1965 wurde im Oktober desselben Jahres - nach Zustimmung des Königs von Nepal - eine permanente Forschungsbasis, das so genannte Thyssen-Haus (bei Kathmandu) errichtet, das sich als Unterkunft, Forschungsstation und Ort des Austauschs von internationalen Wissenschaftlern und Studenten verschiedener Disziplinen etablierte. Es wurde von Herrn Kalikote betreut, der den Forschern für ihre Expeditionen Sherpas als Guides und Träger zur Verfügung stellte. Ohne diese wären die Forschungsarbeiten nicht möglich gewesen. Die Menschen vom Volk der Sherpa sind von klein auf gewohnt, große Lasten zu tragen und schleppen oft freiwillig bis zu 90 kg und mehr über weite Strecken. Obwohl sie gegenüber anderen Bevölkerungsgruppen eher klein und zierlich gebaut sind, nehmen sie dies gerne in Kauf, da ihre Arbeitsleistung von ihren Arbeitgebern meist nach dem Gewicht der zu tragenden Last bezahlt wird. Fälschlicherweise wird "Sherpa" daher teilweise auch als Synonym für "Träger" verwendet. In Wirklichkeit bedeutet es aber Menschen aus dem Osten, denn es wird vermutet, dass die Sherpas vor ca. 600 Jahren aus der chinesischen Provinz Sichuan in das Gebiet des Himalaya eingewandert sind. Da es Kalikote und den Forschern aber an der Sicherheit aller Beteiligter lag, wurden Sherpas, die die Laten für die Expeditionen trugen, nicht so viel Gewicht aufgebürdet.
2.2.2 Nepal Research Center
1967 entstand aus dem Thyssen-Haus das Nepal Research Center (NRC), das im Hinblick auf eine dauerhafte Institution mit einer Bibliothek, einem labor und diversen anderen Einrichtungen zur Unterstützung der Bewohner ausgestaltet wurde. Hier forschten und forschen nun deutsche und nepalesische Geistes- und Naturwissenschaftler nebeneinander und konnten so große Projekte fertig stellen oder ins Leben rufen. zum beispiel entstand 1970, nach der Unterzeichnung eines Abkommens zwischen dem König von Nepal und der Deutschen Forschungsgemeinschaft, das Nepal-German Manuscript Preservation Programme (NGMPP), das jedes wichtige Manuskript und historische Dokument, das sich in Nepal befindet, auf Mikrofilm aufnimmt.
Ziel aller Untersuchungen, die hier im Laufe der Zeit gemacht werden, ist die Erforschung der Hochgebirgswelt Nepals und ihrer Bewohner.
Als 1972 die Thyssenstiftung als Geldgeber ausfile, erfolgte die weitere Finanzierung des ÄNRC, nach einer vorübergehenden Kostenübernahme der Deutschen REgierung, der Gesellschaft für vergleichende Hochgebirgsforschung und des Südasien-Instituts der Universität Heidelberg, durch die Deutsche Morgenländische Gesellschaft (DMG). Diese wurde dann zur weiteren Betreuung des Zentrums bestimmt, da sie sich schon seit 1970 auch am NGMPP beteiligt hatte. Sie hote, um die Interessen der Mitarbeiter besser vertreten zu können, Verbesserungs- und Veränderungsvorwschläge von allen Beteiligten ein, was später u. a. eine eigene Veröffentlichungsreihe ergab.
Ein 5-Jahres-Vertrag mit der Tribhuvan-Universität, Kathmandu, brachte viele weitere wissenschaftliche und persönliche Kontakte zwischen nepalesischen und deutschen Forschern.
3. Gegenwart der AG:
Heute hat die Arbeitsgemeinschaft ihren Sitz bei der Kommission für Glaziologie der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Ihr alleiniger Zweck besteht in der Förderung der Wissenschaft und Forschung, bezogen auf die Gebirgsregionen der Erde. Das Nepal Research Center erstellt seit 2002, nachdem das NMGPP abgeschlossen war, das Nepal-German Cataloguing Project (NGMCP), ein detaillierter Online-Katalog der zuvor mikroverfilmten Manuskripte. Jede Einzelperson bzw. jede Insitution kann Kopien dieser Unterlagen, die innerhalb von 31 Jahren erfasst wurden, anfordern. Zugang zu den Mikrofilmen hat man einerseits im Staatsarchiv von Kathmandu, andererseits auf deutscher Seite in der Orientabteilung der Staatsbibliothek Berlin.
Aus der Veröffentlichungsreihe "Hochgebirgsforschung", der Nachfolgerin von "Khumbu Himal", erschien mittlerweile Band 9 (2004), der sich zum Gedenken an den Hochgebirgstopographen Erwin Schneider (1906-1987) mit dessen Arbeiten in Nepal befasst. Mithilfe Schneiders entstanden Kartenwerke von Hochgebirgsregionen der Anden, Nepals und Afrikas. Später wurden sie, ursprünglich als Forschungskarten konzipiert, unter dem Begriff "Schneider-Karten" auch von Touristen, Trekkern und Bergsteigern verwendet. Seit Mitte der siebziger Jahre wird das Nepalkartenwerk, das nach Beendigung Schneiders Arbeit ein Gebiet von 8816 Quadratkilometern erfasste, vom Lehrstuhl für Kartographie und Reproduktionstechnik der TU München auf dem Laufenden gehalten und um mehrere Blätter ergänzt. Schneider erscheint im verzeichneten Bestand häufig als Korrespondent.
München, im Oktober 2009
Verena Pres