Einleitung
Anton Fehr wurde als Sohn eines Hutmachers am 24. Dezember 1881 in Lindenberg im Allgäu geboren. Nach dem Studium der Landwirtschaft in München und Weihenstephan begann er seine berufliche Laufbahn als Wanderlehrer des Milchwirtschaftlichen Vereins im Allgäu und stieg 1916 zum Leiter der Landesfettstelle auf. Diese Stelle hatte er bis 1922 inne (Nr. 2). Noch während des Ersten Weltkrieges wurde er 1917 zum ordentlichen Professor und Leiter des Milchwirtschaftlichen Instituts in Weihenstephan berufen. 1920 zog er für den Bayerischen Bauernbund in den Reichstag ein und wurde 1922 als Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft in das zweite Kabinett Wirth (26.10.1921-14.11.1922) berufen. Wenn auch nur für acht Monate (31.3.1922 bis 14.11.1922) im Ministeramt, blieb er doch bis 1933 Reichstagsabgeordneter (Nr. 27 und 28).
Im Bayerischen Landtag war er von 1924 bis 1932 vertreten und hatte von 1924 bis 1930 das Amt des Landwirtschaftsministers inne. Nach der Einführung der Schlachtsteuer, von der Regierung Held als Notverordnung gegen den Widerstand des Landtages eingeführt, trat er am 24. Juli 1930 zurück (Gliederungspunkt 2.1).
Von den Anfeindungen der Nationalsozialisten legen zahlreiche Verleumdungsklagen Zeugnis ab. Vor allem der "Stürmer" und sein Herausgeber Julius Streicher hatten es darauf abgesehen, ihn als das Zugpferd der Bauernparteien zu diskreditieren (Gliederungspunkt 3.3). Im Oktober 1935 wurde er zwangspensioniert und legte 1936 seine öffentlichen Ämter nieder, z.B. am 31. Mai 1936 als 1. Vorsitzender des Milchwirtschaftlichen Reichsverbandes (Nr. 75, 76, 78 und 81).
Seitdem lebte er zurückgezogen auf seinem 1928 erworbenen Bauernhof in Lindenberg (heute: Am Wunderbrunnen 45) und baute diesen als Musterhof aus (Nr. 6 und 7). Nebenbei verdingte er sich als Berater zahlreicher Firmen (Gliederungspunkt 3).
Die Repressalien gegen ihn hielten jedoch an. So wurde ihm z.B. ein Rundfunkauftritt mit schwäbischen Mundartgedichten verboten (Nr. 64). Den Höhepunkt erreichte die politische Verfolgung mit seiner Verhaftung nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 und der Inhaftierung im Konzentrationslager Ravensbrück (Nr. 119).
Nach dem Kriegsende 1945 (Nr. 11) erwarb er sich große Verdienste bei der Versorgung des Landkreises Lindau und war einer der Initiatoren bei der Gründung des Bayerischen Bauernverbandes am 7. September 1945 (Nr. 71). Er übernahm Beratungs- und Aufsichtsratstätigkeiten in verschiedenen Firmen und Verbänden. Im Mai 1946 nahm er seine Professur in Weihenstephan wieder auf, die er bis 1950 ausübte.
Er wurde mehrfach ausgezeichnet (Nr. 9), u.a. mit dem Großen Bundesverdienstkreuz 1951. Ihm zu Ehren wurde am 24. Dezember 1951 eine Dr.-Anton-Fehr-Stiftung für bedürftige Schüler der Molkerei- und Melkschulen durch den Milchwirtschaftlichen Verein im Allgäu gegründet, am selben Tag lobte die Deutsche Landwirtschaftsgesellschaft eine Anton-Fehr-Medaille für besondere Leistungen aus.
Er verstarb am 2. April 1954 und wurde auf dem Lindenberger Friedhof unter großer Anteilnahme der Bevölkerung beigesetzt (Nr. 126 bis 129).
Der Nachlass bietet einen Einblick in die Persönlichkeit Anton Fehrs und in die Epoche, in der er lebte: die Notzeiten nach dem Ersten Weltkrieg, die außergewöhnliche politische Maßnahmen (Biersteuer, Schlachtsteuer) zur Folge hatten und die Volksseele beunruhigten. Auf den Versammlungen seiner Bauernpartei erfuhr er immer wieder, wie der "kleine Mann" dachte, und war darüber informiert, wo es zu handeln galt. Die Vielfalt seines politischen Wirkens dokumentieren die Handakten und Materialien aus Reichs- und Landtag (Gliederungspunkt 2).
Der Nachlass wurde zwischen 2003 und 2005 in zwei Lieferungen an das Bayerische Hauptstaatsarchiv abgegeben und bestand zunächst aus 3,80 lfm. mit 248 Akteneinheiten. Bei der Intensivverzeichnung (1.12.2005-28.2.2006) wurde das gedruckte Material (z.B. Reichstagsdrucksachen und andere gedruckte Publikationen) ausgesondert. Ein Verzeichnis darüber befindet sich im Anhang zu diesem Repertorium. [Die Bücher ebenso wie die Drucksachen können in der Amtsbibliothek im Bauteil C eingesehen werden. Daraufhin reduzierte sich der Nachlass auf ca. 3 lfm. und 176 Akteneinheiten].
Das Kernstück des Nachlasses bilden Korrespondenzen und Handakten aus der Zeit der Weimarer Republik, wobei die Korrespondenzen in der von Fehr angelegten Registraturordnung belassen wurden. Es empfiehlt sich, stets die Korrespondenzakten bei der Forschung mit einzubeziehen, ebenso die Zeitungsausschnitte, die aus konservatorischen Gründen separat gelagert wurden. Aus der Zeit nach 1945 sind nur wenige Unterlagen erhalten, sowohl die berufliche Rehabilitierung als auch die Aufsichtsratstätigkeiten und Ehrungen betreffend.
Aus den nicht registraturgebundenen Vorgängen wurden Sachakten gebildet, z.B. bei Beratertätigkeiten für bestimmte Firmen oder die Verleumdungskalgen, die einzeln aufgefährt sind.
Das Personen- und Ortsverzeichnis erleichtert den Zugriff, wenngleich bei den Korrespondenzakten wegen des Umfangs nicht alle Korrespondenzpartner namentlich aufgenommen werden konnten.
Ingrid Sauer M.A.
28. Februar 2006