In Folge der Mobilmachung vom 1. August 1914 und des Gesetzes über den Kriegszustand von 1912 wurde im bayerischen Kriegsministerium ein Pressereferat als oberste bayerische Zensurstelle eingerichtet. Dieses Referat, das noch im Oktober 1918 zur „Pressesektion“ aufgewertet wurde, beschäftigte unter seinem Leiter Alfons Falkner von Sonnenburg (1851–1929) zeitweise bis zu 15 Zensoren. Die Zensoren beobachteten die bayerische, sonstige deutschsprachige und ausländische Presse, verfolgten die Weitergabe militärischer Nachrichten und überwachten die Ein- und Ausfuhr von Druckerzeugnissen jeglicher Art. Ebenfalls zum Aufgabenbereich des Pressereferates gehörte die Zensur der Briefe im Auslandsverkehr, die zentral für ganz Bayern durch die militärische Überwachungsstelle des I. Armeekorps im Bahnpostamt München I durchgeführt wurde.
Selbst bekannte Künstler und Literaten, wie Thomas Mann (1875–1955), blieben nicht von der Zensur verschont. In der Überlieferung des Stellvertretenden Generalkommandos des I. Armeekorps ist ein Brief des Schriftstellers vom 8. September 1915 erhalten: Thomas Mann beschwerte sich darin bei der Zensurbehörde, dass eine an ihn adressierte Drucksache aus der Schweiz noch nicht eingetroffen sei. Bei der erwarteten Publikation handelte es sich um eine 1915 in Lausanne erschienene Schmähschrift gegen Deutschland mit dem Titel „J’accuse“. Die anonym publizierte Schrift stammte von dem in die Schweiz emigrierten ehemaligen Berliner Rechtsanwalt Dr. Richard Grelling, einem Gründungsmitglied der Deutschen Friedensbewegung. Grelling vertrat die These, dass es sich beim Ersten Weltkrieg um einen von den Mittelmächten systematisch vorbereiteten Konflikt mit dem Ziel territorialer Eroberungen handle. Deutschland und Österreich-Ungarn hätten die Julikrise bewusst genutzt, um den Kontinent in einen Krieg zu treiben. Obgleich die Behauptungen nicht wirklich belegt waren, wurde die Publikation in zahlreiche Sprachen übersetzt und erlebte hohe Auflagen. In Deutschland verhinderte die Zensur eine weitergehende Verbreitung. Grellings deutschlandkritische Schriften – 1917/18 erschien die Publikation „Das Verbrechen“, die in Sachen Kriegsschuldfrage nachlegte und sich intensiv mit dem Kriegsgeschehen beschäftigte – wurden boykottiert. Sogar sein eigener Sohn, Kurt Grelling, widersprach ihm öffentlich mit einer 1916 in Zürich erschienenen Abhandlung namens „Anti-J’accuse“. Erschwerend kam für Grelling hinzu, dass er als Pazifist mit entsprechenden Kontakten, etwa zu Ludwig Quidde, sowieso unter besonderer Beobachtung der Zensurbehörden stand.
Thomas Mann, zu jener Zeit durchaus „national“ denkend und schreibend (vgl. sein Essay „Gedanken im Kriege“ vom November 1914) sollte, so der Wunsch der Schweizer Absenderin der Publikation, eine Entgegnung auf das in ihren Augen üble Pamphlet verfassen. Was Thomas Mann zu diesem Zeitpunkt nicht wusste, war, dass die militärische Überwachungsstelle in München bereits am 4. August 1915 einen Brief an ihn aus der Schweiz, in dem das Päckchen angekündigt worden war, abgefangen und kurz darauf am 16. August auch die zwischenzeitlich eingetroffene Schrift selbst einbehalten hatte. Die restliche, unverfängliche Sendung wurde ihm ausgehändigt. Um die Herausgabe der Publikation bat er jedoch vergeblich.
Die Überlieferung des bayerischen Kriegsministeriums, seiner nachgeordneten Behörden und der bayerischen Armee wird heute in der Abteilung IV Kriegsarchiv des Bayerischen Hauptstaatsarchivs verwahrt. Ein originaler Brief von der Hand Thomas Manns ist in dieser Beständestruktur ein sehr ungewöhnliches und besonders Stück. Der Zensurbehörde verdankt das Kriegsarchiv noch einen zweiten eigenhändig verfassten Brief des Schriftstellers: In diesem Schreiben vom 20. August 1914 verwandte sich Thomas Mann für seinen Freund, den aus München verwiesenen russischen Schriftsteller Alexander Eliasberg.
Martina Haggenmüller
Abb. 1: Unterschrift von Thomas Mann (Abbildung mit Genehmigung der S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main).
Dieses Fundstück ist in den Nachrichten aus den Staatlichen Archiven Bayerns erschienen, Heft 78/2020.